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FILMDIENST
Die Österreichische Methode (von Alexandra Wach)

Nicht nur die Liebe, auch die Lebensmüdigkeit ist unberechenbar. Sie nistet sich ein wie ein ungebetener Gast und fordert ihren Tribut. Sich zu wehren macht Arbeit, und oft bleibt nur die Konfrontationstherapie. „Wie würdest du dich umbringen, wenn du dich umbringen würdest?“ Diese Frage steht am Anfang der existenzialistischen Todessehnsucht, der alle weiblichen Hauptfiguren dieser episodischen Kollektivarbeit von Absolventen der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) innerhalb von 24 Stunden erliegen.

Es wird viel kollabiert und geweint, gelitten und getrunken. Je mehr der Abend fortschreitet, desto näher kommen die Figuren dem Kern ihrer seelischen Blessuren. So depressiv das bemerkenswerte Tableau der Gegenwart auf den ersten Blick anmutet, so lassen die fünf ineinander geschnittenen Filme über Liebe und Tod keinen Zweifel daran, im Hier und Jetzt nach der Lösung zu suchen.

Vereinigt zu einem stimmigen Mosaik, begegnet das schonungslose Generationsporträt seinen aus der Bahn gekommenen Endzwanziger-Existenzen auf Augenhöhe. Die Nähe, die es zu ihnen herstellt, ähnelt mitunter einer Operation am offenen Herzen.

Aussicht auf Heilung haben alle bis auf Clara: Sie hat einen Gehirntumor, und der Schock über die plötzliche Todesnähe sitzt tief in ihrem Gesicht. Sie schwankt zwischen Verdrängung und Verzweiflung, besorgt sich eine Überdosis Medikamente und schafft es doch nicht, ihr Schicksal zu besiegeln, zumal sie von allen Hemmungen befreit unverhofft einer neuen Liebe begegnet.

Enthemmung und Intensität suchen auch die anderen Figuren, und nicht ohne Grund müssen Drogen und Alkohol ihren Wünschen auf die Sprünge helfen.

Julia sehnt sich nach Bewährungsproben und wendet die „österreichische Methode“ an, was so viel heißt wie nachts in den Alpen volltrunken im Schnee einschlafen und erfrieren. In einer deutschen Großstadt bedarf es da einer kreativen Abwandlung: Mitten in der Nacht bricht Julia bewaffnet mit zwei Bierkästen in eine Eishalle ein und probiert im Kunstschnee das Komatrinken aus. Maleen kommt in der Beziehung zu einem Jazz-Musiker zu kurz und bedrängt ihn mit ihren Vorwürfen so lange, bis er in einer Kurzschluss-Handlung eine verunreinigte Ecstasy-Pille schluckt. Eva kämpft sich an der aussichtslosen Affäre zu ihrem verheirateten Psychotherapeuten ab, und die Medizinstudentin Mona hat es gar mit einem psychopathischen Ex zu tun, der sie voll gepumpt mit Drogen gefangen hält.

Gemeinsam ist den fünf Geschichten, dass sie von einem diffusen Unbehagen an dem eigenen, gleichförmig dahin plätschernden Leben erzählen. Hinter der Lust an Gefahr verbirgt sich eine romantische Sehnsucht nach Authentizität und Wahrhaftigkeit, nach Erfüllung und Selbstfindung. Die Sorge, die eigene fragile Existenz zu verschwenden, ist allgegenwärtig. Dass die Drehbücher in psychologischer und verrätselter Hinsicht ein wenig zu dürftig bleiben, fällt angesichts der beeindruckenden, durch die kluge musikalische Untermalung erzeugten Atmosphäre seelischer Ausnahmezustände so wenig ins Gewicht wie einige wenige Redundanzen.

Der Vorteil der dokumentarischen Inszenierung liegt in der Reduktion aufs Nötigste. Es wird kein Wort zu viel gewechselt, keine überflüssige Träne erzwungen. Die Kamera von Matthias Schellenberg („Das weiße Rauschen“, fd 35 263; „Kroko“, fd 36 379) setzt auf düstere Lichtsetzung und verliert sich oft in den vergrübelten Gesichtern der Protagonisten, die schmerzhaft viel darüber verraten, woran sie leiden.

Komik gestattet sich der Film nur einmal, wenn er Julia fast daran scheitern lässt, ihren Erfahrungshunger zu stillen. Erst verweigert ihr der Tankwart nach 20 Uhr den Alkohol, dann streikt der Wagen, und es dauert ein wenig, bis sich eine Autofahrerin der Tramperin mit dem raumfüllenden Biergepäck annimmt.

Wenn die resolute alte Dame keinerlei Verdacht schöpft, einer potenziellen Selbstmörderin behilflich zu sein, und diese in bester Stimmung ihrem Schicksal überlässt, weht eine Prise schwarzen Humors heran, die nach den geballten Krisen im Finale von einer zaghaften Leichtigkeit des Seins abgelöst wird.